Moses Mendelssohn Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien
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Dialog # 110 / September 2026

1 / Intro

Liebe Freundinnen und Freunde des Moses Mendelssohn Zentrums, 

mit dieser Ausgabe erhalten Sie den DIALOG erneut als elektronischen Newsletter. Zu Beginn des Herbst- und Winter-Halbjahres freuen wir uns, Sie auf die vor uns liegenden Veranstaltungen aufmerksam zu machen. Gerade nach den für alle demokratischen Menschen niederschmetternden Wahlergebnissen in unserem Nachbar-Bundesland Sachsen-Anhalt und in Zeiten vielfacher autoritärer Anfechtungen einer auf Weltoffenheit und sozialer Gerechtigkeit basierenden Gesellschaftsverfassung sehen wir es als unsere Pflicht, ein offenes Haus zu pflegen, mit unseren Forschungen zur Aufklärung beizutragen und zum Lernen, Diskutieren und zum Vernetzen einzuladen. Wir werden unsere Partnerinstitutionen wie etwa die Moses Mendelssohn Akademie in Halberstadt ebensowenig allein lassen wie wir uns auch weiterhin als Ansprechpartner verstehen für zivilgesellschaftliche Initiativen, die für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sorgen.

Jüngst erst ist die Sommerakademie von FoNA 21 (https://www.fona21.org/veranstaltungen/sommerakademie-2026) zu Ende gegangen, bei der wir gemeinsam mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung die Vielfalt jüdischer Lebenswelten in der Gegenwart sichtbar machen wollten.
Und in wenigen Wochen schon, am 8. und 9. Oktober, laden wir gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung zur JewDacta in Potsdam ein. Dabei vernetzen wir an zwei fachdidaktisch ausgerichteten Tagen bundesweit Expert:innen der schulischen und außerschulischen Bildung zu jüdischer Geschichte. Für Lehrer:innen und Multiplikator:innen, für Schüler:innen und alle Interessierten gibt es Fachvorträge, Workshops und einen Markt der Möglichkeiten (https://www.mmz-potsdam.de/aktuelles/veranstaltungen/2026/jewdacta).

Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht: ich bin gerade erst zurückgekehrt aus einem zehnmonatigen Gastaufenthalt an der Universität Oxford, wo ich als Richard von Weizsäcker Fellow im European Studies Center des St. Antony’s College forschen und schreiben durfte. Diese Monate waren weit mehr als nur eine nahezu märchenhafte Kulisse von alten Bibliotheken und traditionsreichen Colleges: mir begegnete eine aufgeschlossene, neugierige, verständnissuchende Diskussionskultur gerade auch bei brisanten Themen, Gespräche und Austausch auf Augenhöhe zwischen Wissenschaftler:innen aus aller Welt gehörten zum Alltag – in meinem College allein arbeiten, forschen und lernen Menschen aus 70 Ländern dieser Welt! Und trotz all der Begegnungen blieb hinreichend Freiraum, eigene Projekte voranzubringen, so dass die Buchpublikation zu unserem MMZ-Projekt der deutsch-jüdischen Diaspora (https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/ueber) erfreulich fortgeschritten ist. Ohnehin danke ich dem gesamten Team des MMZ für die so äußerst produktive Forschungs- und Veranstaltungstätigkeit der vergangenen Monate und insbesondere meinem Stellvertreter, Werner Treß, für die umsichtige Vertretung in den Monaten meiner Abwesenheit – und freue mich, ihm bei der Gelegenheit zur Publikation seiner Habilschrift gratulieren zu können, die nun für Sie alle zur Lektüre in Buchhandel und Bibliotheken bestellt werden kann (siehe „Publikationen“)! Gemeinsam werden wir im MMZ uns nun den vor uns liegenden Projekten zuwenden und ich hoffe, einige der inspirierenden Begegnungen und Erfahrungen aus der Zeit in Oxford auch in Brandenburg und Berlin einbringen zu können. 

Liebe Leser:innen, ich wünsche Ihnen im Namen des gesamten MMZ viele erkenntnisreiche Einblicke bei der Lektüre dieses Newsletters. Vielleicht verleitet das ein oder andere Sie zu einem Blick in unsere virtuelle Präsenz und Sie stöbern durch die bevorstehenden Aktivitäten. Und wie immer gilt: Noch mehr heißen wir Sie natürlich auch in Person willkommen – sollte die eine oder andere Ankündigung Ihr Interesse finden, oder es Sie in unsere wunderschönen Bibliotheksräume mit reichhaltigem Bücherangebot ziehen: Wir freuen uns auf Sie!

Es grüßen Sie herzlich
Miriam Rürup und das Team des MMZ

2 / Veranstaltungen

„Jewdacta“ am 8. und 9. Oktober 2026

Fachtag und Vernetzung zu Jüdischer Geschichte in schulischer und außerschulischer Bildung

An der Schnittstelle zwischen Forschung, Schule und Öffentlichkeit richtet das MMZ erstmalig die „Jewdacta“ aus. Im Brandenburg Museum in Potsdam kommen von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert erstmalig bundesweit Expert:innen schulischer und außerschulischer Bildung und Lehrer:innen zusammen. Als Miniaturausgabe an den Klassiker „Didacta“ angelehnt soll ein Dialograum eröffnet, Austausch gefördert und neue Verbindungen geschaffen werden. Ziel ist es, den Status Quo über jüdische Themen im historischen Lernen und Perspektiven zu diskutieren.

Neben einem fachinternen Austausch zu aktuellen Themen wie Bildungsarbeit in Zeiten von Antisemitismus und Rechtsdrift, Digitalisierung und (un)sichtbare Diversität im Judentum wird im öffentlichen Teil über „Jüdisches Lernen“ und Judentum in Schulbüchern diskutiert. Workshops geben Einblick in Bildungsprojekte mit verschiedenen Medienformaten und die Arbeit von Museen.

Parallel findet am 9. Oktober ein „Markt der Möglichkeiten“ statt.

Anmeldung unter: tagungen-mmz@uni-potsdam.de.

https://www.mmz-potsdam.de/aktuelles/veranstaltungen/2026/jewdacta

Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk

Buchvorstellung mit den Herausgebern Tobias Johann und Andreas Borsch

Freitag, 9. Oktober 2026, 19.30 Uhr
Buchladen Sputnik, Charlottenstr. 28, Potsdam 

In diesem Buch fragen sich die Autor:innen, wie eine Subkultur wie Punk, deren Geschichte und Gegenwart maßgeblich auch von jüdischen Protagonist:innen geprägt wurde und wird, anfällig für antisemitische Dynamiken werden konnte? Inwiefern setzen sich Punks gegen Antisemitismus zur Wehr? Wie erleben jüdische Punks – auch in Deutschland – die Entwicklungen seit dem Siebten Oktober? Was macht Subkulturen wie Punk dennoch auch für Juden und Jüdinnen noch immer attraktiv? Kann Punk ein Reservoir sein für eine Kritik und Bekämpfung des Antisemitismus auf der Höhe der Zeit? 

Das Buch ist 2026 im Verbrecher Verlag erschienen: https://www.verbrecherverlag.de/shop/juedische-identitaeten-und-antisemitismus-im-punk/

Symposium „Antisemitismus als Herausforderung für Hochschule und Hochschulpolitik“

Öffentlicher Abendvortrag von Yael Kupferberg (MMZ): „Aporien jüdischer Existenz: Philosophische Versuche zur Gegenwart“

Montag, 19. Oktober 2026
Goethe-Universität Frankfurt am Main

Veranstalter des Symposiums: Buber-Rosenzweig-Institut für jüdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne und Gegenwart; LOEWE-Zentrum „Dynamiken des Religiösen: Ambivalente Nachbarschaften zwischen Judentum, Christentum und Islam in historischen und gegenwärtigen Konstellationen“; Jüdische Akademie Frankfurt; Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Frankfurt; Evangelische Akademie Frankfurt; Friedrich-Ebert-Stiftung – Landesbüro Hessen; Evangelische Studierendengemeinde Frankfurt

https://buber-rosenzweig-institut.de/events/einzelveranstaltung/symposium-antisemitismus-als-herausforderung-fuer-hochschule-und-hochschulpolitik/

In der Oranienburger Straße 28 befanden sich vor 1990 Verwaltung und Bibliothek der Ostberliner Jüdischen Gemeinde. 1972 wurde im Hinterhof ein „Kulturraum“ eingerichtet, wo sich ab 1986 auch die Gruppe „Wir für uns“ zusammenfand. Foto: 19.09.2023; Privat, Foto: Johannes Schwarz, CC BY-SA 4.0

„Wir für uns“: Jüdische Erfahrungen in den letzten Jahren der DDR

Dienstag, 20. Oktober 2026, 19.00 Uhr
Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6, 04109 Leipzig

Im Mittelpunkt der Veranstaltung mit dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Potsdam (MMZ) im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig stehen jüdische Wahrnehmungen und Deutungen aus den letzten Jahren der DDR sowie die damaligen Sorgen angesichts der deutschen Wiedervereinigung, da die Transformationszeit auch von einer Welle des Nationalismus und der Gewalt begleitet war.

In einem einführenden Vortrag rekonstruiert Dr. Lutz Fiedler die Geschichte von „Wir für uns“ und gibt Einblicke in ein sich wandelndes jüdisches Selbstverständnis sowie in vergessene Kapitel der Nachwendezeit. Anschließend diskutiert die MMZ-Direktorin Prof. Dr. Miriam Rürup mit der Historikerin Dr. Annette Leo, die selbst an der Gründungsveranstaltung von „Wir für uns“ teilgenommen hat und Zeitzeugin der Wendeereignisse ist.

Während der Veranstaltung präsentieren Daniel Burckhardt und Nina Zellenhoff zudem das Online-Portal „Jüdische Geschichte[n] in der DDR“, das derzeit auf Basis von lebensgeschichtlichen Interviews aufgebaut wird.

https://www.hdg.de/zeitgeschichtliches-forum/veranstaltungen/wir-fuer-uns-juedische-erfahrungen-in-den-letzten-jahren-der-ddr

Buchvorstellung: Deutscher Nationalismus und Judenhass

Dienstag, 3. November 2026, 18 Uhr
MMZ, Seminarraum, Am Neuen Markt 8, 14467 Potsdam

Werner Treß, stellvertretender Direktor des MMZ, stellt seine gerade veröffentlichte Habilitationsschrift Deutscher Nationalismus und Judenhass. Die Ursprünge des modernen Antisemitismus und die Anfänge der Wissenschaft des Judentums 1813–1819 vor (siehe „Publikationen“)

Save the Date: Weihnukka 2026

Auch in diesem Jahr laden wir zu Weihnukka, unserem literarisch-musikalischen Jahresausklang, ein. Am Montag, den 7. Dezember 2026, erwartet Sie im Einstein Forum ein abwechslungsreiches Programm. Mit dabei ist der Schriftsteller Tomer Gardi, der aus seinem neuen Roman Liefern lesen wird.

Weitere Informationen zum Programm folgen in Kürze.

3 / Projekte

MMZ-Projekt „Unlearning Antisemitism“

im Förderprogramm „Aktuelle Dynamiken und Herausforderungen des Antisemitismus“

Seit Frühjahr dieses Jahres fördert das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) als Teil des Forschungsnetzwerk FoNA21 das am MMZ angesiedelte Verbundprojekt „Unlearning Antisemitism – Jüdische Erzählungen in der deutschen Gesellschaft“. Das Projekt wird realisiert in Zusammenarbeit mit dem Praxispartner AG Jugend und Bildung e.V. (Wiesbaden), mit dem Fritz Bauer Institut (Universität Frankfurt am Main) und dem Friedrich-Meinecke-Institut (Freie Universität Berlin, Bereich Fachdidaktik). Die MMZ-Direktorin Miriam Rürup hat die Projektleitung inne, Julia Kleinschmidt koordiniert das Gesamtprojekt.

Ziele des Vorhabens sind die stillschweigend vorausgesetzte Wirkung und den Einsatz in der Antisemitismusprävention von aufgezeichneten jüdischen Erzählungen kritisch zu hinterfragen, um daraus gewonnene Erkenntnisse auf im Projekt neu zu entwickelnde Lehrmaterialien anwenden zu können. Ein weiteres Ziel ist es, Seminarkonzepte zur Anwendung videografierter Interviews von Jüdinnen und Juden in Deutschland in der Fachdidaktik zu entwickeln und zu erproben. Hierfür entsteht auch eine neue Interviewsammlung mit 15 Interviews zu Jüdinnen und Juden aus der DDR und der neuen Bundesrepublik ab 1990. Am Ende stehen ein fachdidaktisches Handbuch und ein Werkzeugkoffer mit einem analogen und digitalen Bildungsmodulpaket.

Eine ausführliche Projektbeschreibung ist für eine der kommenden DIALOG-Ausgaben vorgesehen.

4 / Berichte

Olaf Glöckner (MMZ) im Gespräch mit dem Historiker und Kommunalpolitiker Dmitri Stratievski, Foto: MMZ

Veranstaltungsreihe „Gesellschaft und Judentum heute“

Mit der sechsteiligen Veranstaltungsreihe „Gesellschaft und Judentum heute“ nahm das MMZ im Sommersemester 2026 ein neues Format in Angriff, bei dem unterschiedlichste Personen und Gruppen zu Fragen von jüdischer Existenz heute, von Erinnerungskultur, gesellschaftlicher Partizipation, interkulturellem Zusammenleben und gemeinsamen Zukunftsvisionen ins Gespräch kamen. Die Vortragenden und Gesprächspartner*innen kamen vorrangig aus Berlin, Brandenburg und Sachsen, waren und sind u.a. als Theaterschaffende, Verleger, Historiker und ehrenamtliche Akteure tätig. Zugleich ergaben sich interessante jüdische Sichtweisen auf die heutige Gesellschaft in Deutschland, in Brandenburg und anderen Regionen. Die jeweiligen Abende mit der Theaterwissenschaftlerin Sharon Kotkovsky, den Historikern Dmitri Stratievski und David Kowalski, der Verlegerin Nora Pester, der Publizistin Judith Kessler und der liberalen Aktivistin Alexandra Bandl wurden u.a. von Studierenden, Pädagog*innen, Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen und von allgemein interessierten Potsdamer Bürger*innen frequentiert.

zeitgeschichte|online. Giorgia Meloni at the European Council, March 2023. Foto: © European Union, 1998–2026, via Wikimedia Commons.

Tageskonferenz „Between Past and Present“

Im Januar dieses Jahres fand im MMZ im Rahmen des EU-Projekts „Teaching about Race and Gender Exclusion Timelines“ die internationale Tageskonferenz „Between Past and Present. Continuities of Right-Wing Extremist Images of Womanhood“ statt, die in Kooperation mit dem Zagreber „Centre for Promotion of Tolerance and Holocaust Remembrance“ ausgerichtet wurde. Das Fachportal Zeitgeschichte-online hat hierzu einige Konferenzbeiträge im gleichnamigen Dossier veröffentlicht. In den Artikeln werden Frauen im rechten Spektrum aus unterschiedlichen historischen Perspektiven beleuchtet. Die Beiträge zeigen, dass Frauen in rechten und rechtsextremen Bewegungen oder Parteien nicht lediglich eine untergeordnete Rolle einnahmen, sondern sich vielmehr aktiv an deren Strukturen, Ideologien und Praktiken beteiligten und immer noch beteiligen. Zudem tragen sie bis heute zur Verbreitung rechtsextremer Weiblichkeitsbilder bei.

Unter diesem Link können Sie die Artikel von Esther Lehnert, Ljiljana Radonic, Benjamin Zachariah und Martina Bitunjac nachlesen: https://zeitgeschichte-online.de/themen/between-past-and-present

Abschluss-Podium zum Thema „Generation Zukunft“. Foto: Karl Bauch/MMZ

Sommerakademie FoNA21 zu „Jüdischen Lebenswelten“

Die vom bundesweiten Forschungsnetzwerk „Antisemitismus im 21. Jahrhundert“ (FoNA21) in Berlin ausgerichtete Sommerakademie 2026 stand Anfang September unter dem Thema „Jüdische Lebenswelten in Deutschland heute“. Dabei lag die inhaltliche Gestaltung, wie in den Vorjahren auch, gemeinsam in den Händen des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) und des MMZ. Das MMZ beteiligte sich u.a. mit einem Workshop zu „Visible Voices. Jüdische Erzählungen in der schulischen und außerschulischen Bildung“ (Julia Kleinschmidt) und einem Überblicksvortrag zur Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 1989/90 (Olaf Glöckner). Auch die beiden großen Podiumsdiskussionen zu den Themen „Ein neues Judentum in Deutschland? Migration, Transformation, Konflikte und Vielfalt seit den 1990er Jahren“ sowie „Generation Zukunft. Jüdische Visionen von Gesellschaft, Kunst und Partizipation“ wurden vom MMZ begleitet. Diesjährige Teilnehmer*innen der Sommerakademie konnten sich u.a.  über die (neue) Vielfalt der heutigen jüdischen Gemeinden, ebenso über Netzwerke, Bildungs- und Kultureinrichtungen informieren. Durchgängige Themen waren u.a. die jüdische Migration nach Deutschland, Möglichkeiten interkultureller Begegnung (u.a. durch die Projekte wie „Meet a Jew“ und „Meet2Respect“), ebenso die neuen Herausforderungen durch einen wachsenden Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 und das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte im Land.

Vortrag über Davis Trietsch an der ETH Zürich

Am 7. September 2026 fand an der ETH Zürich der internationale Workshop „Intertwined Modernities. Itineraries of Arts, Technologies, and Ideas of the Levant“ statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die von der Architekturhistorikerin Alona Nitzan-Shiftan (Technion, Haifa) und dem Literaturwissenschaftler Andreas Kilcher (ETH, Zürich) organisiert wurde, stand die Geschichte der Levante zwischen 1850 und 1945. Dabei diskutierten Wissenschaftler:innen aus Israel, Deutschland, der Schweiz und der Türkei darüber, wie politische Akteure, Künstler, Schriftsteller und Architekten Ideen, Technologien, Kunst und Kultur über Länder- und Reichsgrenzen hinweg austauschten. Die Levante – so das Fazit – entwickelte sich nicht isoliert, sondern war ein Umschlagplatz, an dem osmanische Reformen, europäischer Imperialismus, technischer Fortschritt, Migration und Zionismus aufeinandertrafen. 

Unsere Kollegin Lisa Sophie Gebhard sprach in ihrem Vortrag über den deutschen Zionisten, Wirtschaftsexperten und Publizisten Davis Trietsch (1870–1935) und dessen Visionen für die Levante. In seinem 1909 erstmals erschienenen Levante-Handbuch schuf Trietsch auf Basis eines dichten statistischen und wirtschaftlichen Materials einen außergewöhnlich großen Wirtschaftsraum zwischen Europa, Afrika und Asien. Im Gegensatz zu anderen Zeitgenoss:innen sah er die Region nicht als rückständig und statisch, sondern als einen dynamischen Raum, der sich durch Einwanderung, Investitionen und neue Technologien im Wandel befand. Die jüdische Einwanderung, die er mit deutschen Handelsinteressen verbinden wollte, stand dabei im Zentrum. Anhand von Trietsch ließ sich die Konstruktion der Levante als wirtschaftliche Utopie mit Palästina als Zentrum aufzeigen.

5 / Mediathek

Aktuelle Staffel des Podcast „Jüdische Geschichte Kompakt“

Die 19. Staffel, kuratiert von Anna Menny und Björn Siegel (beide IGdJ), steht unter dem Titel „(Un-)erhörte Geschichte. Einblicke in aktuelle musikhistorische Projekte“.

Sie zeichnen im Intro zusammen mit Miriam Rürup, der Direktorin des MMZ und Co-Host des Podcast-Kanals, die Ideen der gesamten Staffel nach. Sie stellen hierbei Fragen, wie z.B. Wie kann man in zeitgenössische Klangwelten eintauchen? Welche Funktionen hat Musik, Wie stark sind Gegenwart und Vergangenheit von Tönen geprägt oder Was wird gehört und was bleibt (un-)erhört? Damit verweisen sie auf die Themen, die in den folgenden vier Folgen zur Diskussion stehen werden und weiten damit den Blick darauf, was Töne uns wirklich erzählen können. 

Link zum Intro: 
https://juedischegeschichtekompakt.podigee.io/101-19-0-intro-zu-un-erhoerte-geschichte-einblicke-in-aktuelle-musikhistorische-projekte-ein-gespraech-mit-miriam-ruerup-anna-menny-bjoern-siegel

Link zu allen bisherigen Folgen:
https://juedischegeschichtekompakt.podigee.io/

6 / Publikationen

Werner Treß: Deutscher Nationalismus und Judenhass. Die Ursprünge des modernen Antisemitismus und die Anfänge der Wissenschaft des Judentums 1813–1819, Göttingen. Wallstein, 2026.

Im September 2026 ist die Habilitationsschrift unseres stellvertretenden Direktors Werner Treß im Wallstein Verlag als Monografie erschienen. Das Buch zeigt auf, wann genau und warum deutscher Nationalismus und Judenhass nach dem Wiener Kongress 1815 erstmals ihre verhängnisvolle Symbiose eingingen. Es liefert eine neue Rekonstruktion über den vorstaatlichen deutschen Nationalismus des frühen 19. Jahrhunderts, dessen politisch-weltanschauliche Prämissen als romantisch-organologischer Volksnationalismus sich bis heute kaum verändert haben. Es liefert eine politisch-theologisch fundierte und an der Kritischen Theorie orientierte Erklärung über die Transformation des vormodernen christlichen Antijudaismus zum modernen Antisemitismus. Und es dokumentiert den gelehrten jüdischen Respons auf den akademisch geprägten Judenhass, durch den jüdische Lehrer und Studenten wie Leopold Zunz, Michael Hess oder Gotthold Salomon die geistigen Fundamente für die „Wissenschaft des Judentums“ legten.

https://www.wallstein-verlag.de/9783835361591-deutscher-nationalismus-und-judenhass.html

Ines Sonder: 1936. Deutsch-jüdische Stimmen aus Palästina im Jahr des Arabischen Aufstandes, Berlin / Leipzig: Hentrich & Hentrich, 2026.

Vor 90 Jahren: Der Schriftsteller Arnold Zweig lebt auf dem Berg Carmel bei Haifa und hadert mit seinem Dasein in Palästina, der Architekt Erich Mendelsohn baut die Villen für Chaim Weizmann und Salman Schocken, der junge Ernst Loewy kommt mit der Jugend-Alija ins Land und ist von der kulturellen Atmosphäre in seinem Kibbuz enttäuscht, die Journalistin Gerda Luft berichtet als Palästina-Korrespondentin der Jüdischen Rundschau vom Tagesgeschehen und den Lebensbedingungen der deutsch-jüdischen Einwanderer. Sie alle – und auch die vielen anderen deutsch-jüdischen Stimmen, die hier zu Wort kommen – leben 1936 in Palästina und haben zum Teil ausführliche Berichte in Tagebüchern, Briefen und der Presse hinterlassen. Ihre persönlichen Schicksale und Aktivitäten werden unter dem Brennglas dieses Jahres betrachtet und mit den politischen Ereignissen und kulturellen Höhepunkten im Land verwoben – dessen Zäsur der Beginn des Arabischen Aufstandes im britischen Mandatsgebiet bildet, mit Folgen, die bis heute nachwirken.

https://www.hentrichhentrich.de/de/programm/produkt/1936

Martina Bitunjac; Jan-Niklas Zemmel: Von der „Wahrung“ des „Stadt- und Strassenbildes“ bis zur Zerstörung. Die Potsdamer Synagoge während des Nationalsozialismus und der Umgang mit ihren Kultgegenständen in der Nachkriegszeit, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 78 (2026), S. 195–219.

Die Studie befasst sich mit der Geschichte der im Jahr 1903 errichteten Synagoge in Potsdam. Diese wurde bereits vor dem Novemberpogrom geschändet und im Jahr 1945 während der Angriffe der Alliierten zerstört. Die Autoren beleuchten darin die Handlungsspielräume verschiedener Akteure, darunter des Potsdamer Oberbürgermeisters Hans Friedrichs, der das Stadtbild nach nationalsozialistischen Idealvorstellungen umgestaltete, sowie der Vertreter der Jüdischen Gemeinde, die um ihr Existenzrecht kämpften. Auf Friedrichs Initiative hin wurden die Synagoge und das angrenzende jüdische Gemeindehaus nach dem Novemberpogrom an die Reichspost zwangsverkauft. Abschließend wird der Umgang mit den sakralen Kultgegenständen aus der Potsdamer Synagoge in der unmittelbaren Nachkriegszeit erstmals untersucht. Diese wurden kurz nach dem Krieg von dem Potsdamer Gartendirektor Hans Kölle und seinem Sohn Hans-Karl Kölle an die Jüdische Gemeinde in Berlin übergeben.
Die Autoren des Aufsatzes sind auf der Suche nach diesen Kultgegenständen aus der ehemaligen Potsdamer Synagoge und für jeden Hinweis dankbar.

https://doi.org/10.1163/15700739-12340031

„In der Stichwahl unterlegen – Die AfD im Wettbewerb um kommunale Spitzenämter“ lautet der Titel der neuen Ausgabe der „Mitteilungen“ der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle, die Anfang September erschienen ist. Gideon Botsch und Christoph Schulze untersuchen darin die politische Entwicklung Brandenburgs in den Jahren 2025 und 2026. Konkret werden 55 Bürgermeister- und Landratswahlen untersucht, darunter Spree-Neiße, Elbe-Elster, Velten sowie Zehdenick, wo dem AfD-Kandidaten René Stadtkewitz schon im ersten Wahlgang ein deutlicher Sieg gelang. Dieses Ereignis erlangte bundesweit große mediale Aufmerksamkeit. Die Studie identifiziert Herausforderungen für die kommunale Politik und Perspektiven für den Umgang mit den aktuellen Entwicklungen.

Online ist die Ausgabe kostenlos abrufbar: https://www.mmz-potsdam.de/forschung/emil-julius-gumbel-forschungsstelle/mitteilungen/in-der-stichwahl-unterlegen

Yael Kupferberg: Von der Fähigkeit und der Möglichkeit, das „ganz Andere“ zu denken, in: Das Gegenteil von Jetzt. Künstlerische Wege in eine andere Gegenwart, hrsg. von Julia Friedrich, Shelley Harten, München 2026, S. 62–69.

In diesem Ausstellungskatalog werfen zwölf Autor*innen aus Philosophie, Kunst- und Kulturgeschichte ihren je eigenen Blick auf die einzelnen Kunstwerke. Vier Essays, darunter der von Yael Kupferberg, geben zudem Einblick in die Ausstellung selbst und befassen sich mit Konzepten der jüdischen Tradition, die mit ihr in Zusammenhang stehen.

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