Der Kampf um gesellschaftliche Ordnung und die Pädagogik. Rassismuskritische Erkundungen

In der deutschsprachigen Sozial- und Erziehungswissenschaft der letzten Jahrzehnte galt „Rassismus“ lange Zeit nicht als seriöse Analysekategorie und die Auseinandersetzung mit gegenwärtigem Rassedenken und -fühlen bestenfalls als marginal relevant. Auch heute noch tun sich trotz der seit Jahrzehnten geltenden Normalität rassistischer Gewalt, der Konjunktur von hate speech, trotz der verbreitet hohen Zustimmung zu rassistischen Figuren der Begründung einer Grenzpolitik, die Menschen täglich sterben lässt, trotz des NSU-Komplexes etc. pp weite Teile der Sozial- und Erziehungswissenschaft, aber auch der politischen Bildung sowie der Schulpädagogik schwer, „Rassekonstruktion“ als Analysekategorie zu verwenden. Diese Weigerung, „Rassismus“ als Analysekategorie der Gegenwart ernst zu nehmen, hat einen Leerraum bewahrt, der der Wirksamkeit des Rassedenkens und -fühlens dienlich war und ist. Rassismuskritik erklärt Gewalt gegen natio-ethno-kulturell kodierte Andere nicht mit Abstiegserfahrungen und -ängsten in „der Bevölkerung“, sondern verweist darauf, dass der Umstand, dass Abstiegs- oder Desintegrationserfahrungen in diesem Verbreitungsgrad zu rassistischen Handlungen und Affekten führen, selbst erklärungswürdig ist. An das Rassedenken und -fühlen anschließende Muster, in denen Menschen sich und andere erkennen, ihre Handlungen und deren Folgen legtimieren, ist verzweigt über Mediendiskurse, ökonomische Strukturen, Schulbücher, politische Verlautbarungen, familiale Narrationen („Opa war kein Nazi“, Oma auch nicht) und dominanzkulturelle Hintergrundannahmen als gesellschaftliche Normalität in der sogenannten Mitte der Gesellschaft wirksam. Deshalb ist es möglich, durch Rückgriff auf Rassekonstruktionen eigene Erfahrungen mit einem bestimmten Sinn zu versehen. Dieser Zusammenhang soll in einem ersten Schritt im Vortrag im Rahmen einer Analyse der Bedeutung von Rassekonstruktionen in den (mikro-)politischen Auseinandersetzung um gesellschaftliche Ordnung erläutert werden, um zweitens über pädagogische Implikationen und Konsequenzen nachzudenken.

Prof. Dr. Paul Mecheril lehrt am Institut für Pädagogik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und ist Direktor des Center for Migration, Education and Cultural Studies. An der Universität Münster promovierte er in Psychologie, an der Universität Bielefeld habilitierte er sich im Fach Erziehungswissenschaft. Er beschäftigt sich unter anderem mit dem Verhältnis von Zugehörigkeitsordnungen und Bildung.

Ort: Haus der Natur (Lindenstraße 34, 14467)

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