Walter Boehlich-Bibliothek in Potsdam

Die Bibliothek Walter Boehlichs ist nun in Potsdam

Die Bibliothek des im April 2006 verstorbenen Literaturkritikers, Lektors, Übersetzers und Herausgebers Walter Boehlich hat eine neue Heimat in Potsdam gefunden. Im November 2007 unterzeichnete der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums, Julius H. Schoeps, einen entspre-chenden Vertrag mit den Erben.

Walter Boehlich, geboren 1921 in Breslau, war nach dem Studium der Germanistik, Ge-schichte und Kunstgeschichte zunächst Assistent des Romanisten Ernst Robert Curtius. Von 1956 bis 1968 wurde Boehlich zu einem der einflussreichsten Lektoren im Suhrkamp Verlag, dessen Programm er mit Autoren wie Proust, Beckett und Handke maßgeblich mitprägte. Der von ihm 1965 herausgegebene Band zum Berliner Antisemitismusstreit von 1880 provozierte in der Bundesrepublik eine Debatte über gegenwärtige antisemitische Haltungen. Neben sei-ner Herausgebertätigkeit übersetzte Boehlich literarische Werke aus dem Englischen, Franzö-sischen, Spanischen und Dänischen, wofür er mehrfach ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien 1997 seine Übertragung von Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“. Seine außerordentliche philo-logische Versiertheit und seine breiten Kenntnisse in Literatur- und Kulturtheorie machten ihn zu einem mitunter gefürchteten Literaturkritiker und streitbaren Intellektuellen. Als Hörfunk-autor, Mitarbeiter des Feuilletons der „Zeit“ sowie der „FAZ“ und von 1979 bis 2001 als re-gelmäßiger Kolumnist der Satirezeitschrift „Titanic“ mischte er sich auch immer wieder un-überhörbar in politische Debatten ein.

Seine Bibliothek umfasst mehr als 10.000 Bände zu den Gebieten deutsche Literatur und ro-manische Literaturen, Literaturwissenschaft und Philosophie. Sie enthält Bände zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, zumeist in Erstausgaben, zahlreiche Erstausgaben Alexander von Humboldts und Scandinavica. Die Sammlung spiegelt Boehlichs Weg von ei-ner konservativen Position zu einem der wichtigsten linksliberalen Literaturkritiker der Nach-kriegszeit.

Durch eine Kooperation mit der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam (SLB) ist es möglich, die Bestände zusammenhängend aufzustellen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, was dem letzten Willen Walter Boehlichs entspricht. Mit der für das Jahr 2011 geplanten Sa-nierung der SLB wird die dann erschlossene Bibliothek Walter Boehlichs nutzbar sein.

Bereits 2009 plant das Moses Mendelssohn Zentrum gemeinsam mit dem Institut für Germa-nistik der Universität Potsdam eine Tagung, die die Facetten des Wirkens Walter Boehlichs in der Bundesrepublik untersuchen soll.

 

Informationen und Kontakt:

Karin Bürger
Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch jüdische Studien
Am Neuen Markt 8, D-14467 Potsdam

Tel.: 0331-28094-15 Fax: 0331-28094-50