Religions- und Geistesgeschichte

Was ist und will die Geistesgeschichte?

Die gegenwärtige Situation an den deutschen Universitäten ist durch eine zunehmende Abkapselung der einzelnen Forschungsrichtungen voneinander und durch ein Überwuchern der spezialistischen Orientierung charakterisiert, die zunehmend Geschichte und Sinngebung der deutschen Universitäten und Hochschulen zu verfälschen drohen. Dieser seit längerem erkannten Gefahr hatte man bereits vor längerer Zeit die Forderung eines Studium generale entgegengestellt. Wo dieses in den letzten Jahrzehnten zeitweise eingeführt wurde, waren aber die Resultate nicht sehr ermutigend. Der Grund ist wohl darin zu sehen, dass die Addition von Einzelerkenntnissen der Vertreter verschiedener Fächer zum gleichen Thema niemals ein strukturiertes Gesamtbild ergeben kann.

Vielmehr wird es stets auf eine Zusammenschau der verschiedenen Sachgebiete auf ein Zentrum hin durch das Prisma einer einzigen Forscherpersönlichkeit beziehungsweise eines Forschungsansatzes ankommen müssen. Dieser Aufgabenstellung will die Geistesgeschichte dienen, die ihre Bestimmung darin sieht, den Geist einer jeden Epoche, den so genannten Zeitgeist und seine Wandlungen, zu erfassen und zur Darstellung zu bringen. Die am 1. Juni 1958 in Herborn als Abschluss einer Studientagung gegründete Gesellschaft für Geistesgeschichte tritt deshalb für die Förderung der Zeitgeistforschung im Sinne der Geistesgeschichte und für die Einrichtung besonderer geistesgeschichtlicher Lehrstühle an den Universitäten und Hochschulen im deutschsprachigen Raum ein. Als Forschungsdisziplin und Lehrfach hat die Geistesgeschichte, wie sie hier skizziert wird, in Deutschland bisher nur an wenigen Orten eine Vertretung gefunden. Meist wird sie zwischen Philosophie und Geschichte angesiedelt. In den USA gibt es häufig besondere Lehrstühle für History of Ideas, was aber in der Regel politische Ideengeschichte meint. In Schweden existieren Professuren für Lärdomshistoria, was letztlich aber eine Einengung auf reine Wissenschaftsgeschichte bedeutet.

In den 1970er und 1980er Jahren bürgerten sich in den Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften die Begriffe Mentalitäts- und Bewusstseinsgeschichte ein, die aber in Deutschland nicht zu Institutsgründungen geführt oder in Lehrstuhlbezeichnungen eingegangen sind. Anders in den Vereinigten Staaten, wo es möglich scheint, jenseits der überkommenen Fachdisziplinen, neue Wege zu beschreiten und interdisziplinär arbeitende Zentren einzurichten. Dort wurden zum Beispiel das Department für History of Consciousness (University of California, Santa Cruz) eingerichtet, in dem Professoren unterschiedlichster Fächer zu Themen der Religions- und Geistesgeschichte im weitesten Sinne arbeiten. In der Kombination Religions- und Geistesgeschichte wurde das Fach vor 1933 von Joachim Wach am Lamprechtschen Institut für Universalgeschichte in Leipzig vertreten, von 1947 bis 1979 wieder durch Hans-Joachim Schoeps in Erlangen, der auch der Begründer der Zeitschrift (ZRGG) gleichen Namens geworden ist. Grundsätzlich sind aber auch andere Kombinationen möglich wie etwa Philosophie und Geistesgeschichte, Literatur und Geistesgeschichte, Politische Wissenschaften und Geistesgeschichte, Soziologie und Geistesgeschichte usw., was jeweils von dem Zuschnitt der zur Verfügung stehenden Forscherpersönlichkeit abhängen dürfte.

Gegen die Geistesgeschichte wird oft eingewendet, dass sie kein besonderes Fach sei, sondern nur eine wissenschaftliche Methode neben anderen darstelle. Dies ist so nicht zutreffend, obwohl es nicht leicht fällt, eine zulängliche wissenschaftstheoretische Definition zu geben, welche die Geistesgeschichte von anderen Disziplinen eindeutig abheben und unterscheiden könnte. Aber worum es ihr geht, ist ohne Schwierigkeiten zu formulieren. Die Geistesgeschichte will den Geist einer Zeit, den so genannten Zeitgeist erfassen, wie er in den Manifestationen des geistigen Lebens Ð Philosophie, Kunst, Religion, aber auch Staat, Recht, Wirtschaft usw. Ð zum Ausdruck kommt. Schon für Hegel war ja die ganze Weltwirklichkeit der Stoff, an dem er die Selbstbewegungen des Geistes zu demonstrieren unternahm. Aber als der eigentliche Vater der Disziplin hat Wilhelm Dilthey zu gelten, der ohne die Präokkupation des absoluten Systems die Absicht hatte, das geschichtliche Leben aus sich heraus zu verstehen und den geistigen Gehalt seiner Zeit aus allen überhaupt aufschließbaren Quellen heraus zur Darstellung zu bringen. Seinem Bemühen, eine "Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen" (1910) aufzubauen und methodisch zu sichern, fühlt sich die Gesellschaft für Geistesgeschichte in ihrer Arbeit verpflichtet.

Wilhelm Diltheys Werk zeigt an, dass die traditionelle Fächereinteilung von ihm gesprengt worden ist. Von den Abhandlungen zur Geschichte der Philosophie und Religion über Literaturgeschichte, Psychologie und Pädagogik bis zur preußischen Staatsgeschichte ist die ganze Breite des geschichtlichen Lebens bei ihm vertreten. Wie fruchtbar diese Zusammenschau für die Erkenntnis eines Zeitgeistes sein kann, zumal wenn man solche Quellen heranzieht, in denen sich das Leben selber am unmittelbarsten ausdrückt, hat Diltheys Schüler und Nachlassherausgeber Bernhard Groethuysen in einem Werk über das Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts gezeigt, das inzwischen zu einem klassischen Modell für Arbeiten in dem Fach Geistesgeschichte geworden ist. So ist es durchaus legitim, innerhalb einer bestimmten Epoche die gemeinsame Bewusstseinslage zu untersuchen, die in verschiedenen, oft gegensätzlichen Werken, Leistungen, Sozialgebieten usw., zum Ausdruck kommt. Denn offenbar ist es möglich, den Geist einer Zeit oder einer Epoche auf allen Gebieten des Lebens festzustellen, in denen sich Geistiges manifestiert, auch wenn sich Tendenzen heterogener Art in der gleichen Epoche überschneiden und der aufweisbare Pluralismus von Ideen es heilsamerweise erschwert oder verhindert, einem Zeitraum allzu schnell das Etikett anzuhängen, das ihn charakterisieren soll. Gleichwohl bleibt aber bestehen, dass die Geistesgeschichte speziell interessiert ist an den Zusammenhängen aller Gebiete untereinander, also zum Beispiel an den inneren Beziehungen zwischen calvinistischer Theologie und frühkapitalistischer Wirtschaftsethik, lutherischer Amtslehre und preußischem Staat, expressionistischer Malerei und existenzphilosophischem Denken.

Die Geistesgeschichte als Lehrfach nimmt also die Sinn- und Bedeutungszusammenhänge zwischen den verschiedenen Objektivationen zum Gegenstand, in denen sich der Geist einer jeden Epoche manifestiert und zur Darstellung zu bringen sucht. Geistesgeschichtliche Blickweisen sind andere als sie die reinen Historiker, die Soziologen oder Philosophen haben, auch wenn diese ähnliche Materialien benutzen, wenn sie auf "Trivialquellen" zurückgreifen, um den "Alltag" zu untersuchen. Außerdem nimmt die Geistesgeschichte mit ihrem Versuch, dem "Leben" selbst nahe zu kommen und so den Zeitgeist und seine Wandlungen zu erfassen, Materialien und Stoffe zur Behandlung auf, die Historiker und Philosophen schon der für sie notwendigen Begrenzungen wegen zumeist nicht untersuchen können. Wir glauben daher, dass eine solchermaßen gehandhabte Geistesgeschichte eben doch mehr darstellt als nur eine wissenschaftliche Arbeitsmethode, dass sie vielmehr mit ihrer Sicht auf die Kulturen und Kulturepochen als Ganzheiten ein legitimes Sachanliegen zu repräsentieren hat und daher auch als wissenschaftliche Fachdisziplin in den universitas litterarum aufzutreten vermag.

Als Vertreter der Geistesgeschichte sollte nur derjenige gelten, der selbst willens ist, Quellenforschungen auf den verschiedenen Gebieten anzustellen, aber sich darüber hinaus auch bereit zeigt, seine Feststellungen an den Stoffen selbst kritisch zu kontrollieren, ob sie auch wirklich vom Quellenbefund gedeckt werden. Diese Forderung ist für uns unabdingbar. Wer sich nicht bereits auf Spezialgebieten als kritischer Forscher ausgewiesen hat, besitzt nach unserer Überzeugung nicht die Voraussetzungen, universale Betrachtung zu üben und die Disziplin Geistesgeschichte in der Tradition von Wilhelm Dilthey zu vertreten. Natürlich muss auch gesagt werden, dass das geistesgeschichtliche Legen von Querschnitten niemals den Spezialwissenschaften ihr Geschäft abnehmen kann oder will; vielmehr baut Geistesgeschichte in dem von uns vertretenem Sinne immer erst auf den Spezialforschungen auf. Aber vielleicht vermag ihre universale Betrachtungsweise, die angemessene Einführung in das Studium der Spezialia zu geben.
Potsdam im Mai 2008 Prof. Dr. Julius H. Schoeps

GGG und ZRGG