Walter Boehlich Konferenz vom 4. bis 6. Dezember 2009 in Potsdam

Walter Boehlich, geb. 1921, studierte in Breslau und Hamburg Germanistik, war 1947-1951 Assistent des Romanisten Ernst Robert Curtius in Bonn und bis 1957 DAAD-Lektor in Aarhus und Madrid, als er Lektor im Suhrkamp Verlag wurde. 1968 trennte sich der Verlag von seinem Cheflektor, der zwar den Verlag der Autoren mit gründete, aber in den folgenden Jahrzehnten als freier Autor in verschiedenen Medien publizistisch sowie als Übersetzer und Herausgeber tätig wurde. Als er 2006 starb, wurde er in den Nachrufen der überregionalen Presse als „eine der großen intellektuellen Gestalten der alten Bundesrepublik“ gewürdigt. Das Spektrum der Bezeichnungen für Boehlichs Wirken in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik – von Literat und Publizist über Kritiker zu Polemiker, Aufklärer und Schulmeister: „Prototyp des kritischen Intellektuellen“ – verwies auf die zwischen 1947 und 2001 wechselnden Orte, von denen aus Boehlich zur literarischen Kultur der Bundesrepublik beitrug: Literaturwissenschaft und Literaturkritik, Verlagslektorat und Autorschaft, auch in Rundfunk und Fernsehen.

Nach Boehlichs Tod fanden die Erben im Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) eine Institution, die seine mehr als 14.500 Bände zu den Gebieten Literatur, Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte umfassende Bibliothek nach dem Wunsch von Walter Boehlich in ihrer Gesamtheit übernehmen, erschließen und dank der Kooperation mit der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam geschlossen aufstellen wird, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ausgehend von der Nachlassbibliothek wird eine Konferenz, die das Institut für Germanistik der Universität Potsdam in Zusammenarbeit mit dem MMZ organisiert, an ihren Sammler erinnern.

Im Mittelpunkt der Konferenz, die durch die Einladung von Fachvertretern der Jüdischen Studien, Germanistik, Romanistik und der Zeit-, Sozial- und Kulturgeschichte interdisziplinär angelegt ist, steht das Wirken des Kritikers Walter Boehlich in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik. In der Fokussierung auf eine Person, deren öffentliches Handeln in wechselnden institutionellen Zusammenhängen im Zeitverlauf thematisiert wird, entspricht diese Anlage einem Interesse, das sich in neuesten Arbeiten zu Boehlich in verschiedener Hinsicht vergleichbaren Literaturwissenschaftlern, Literaturkritikern, Verlegern und Autoren (Karl Korn, Peter de Mendelssohn, Robert Minder, Hans Magnus Enzensberger) artikuliert, und zwar in der germanistischen Wissenschaftsgeschichte ebenso wie in der medien- und kulturwissenschaftlichen Zeitgeschichte und der sozial- und kulturgeschichtlichen Intellektuellenforschung.

Leider musste Lothar Müller den angekündigten Eröffnungsvortrag aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Zur Eröffnung der Konferenz wird nun der bekannte Schauspieler Horst Hiemer aus bislang unveröffentlichten Briefen Walter Boehlichs lesen. Die Briefe entstammen den Jahren 1949 bis 2000 und geben einen Einblick in die Entwicklung Boehlichs zu einem der bedeutendsten Literaturkritiker deutscher Zunge des letzten Jahrhunderts. Zu den Adressaten Boehlichs zählten Schriftsteller wie Gottfried Benn, Anna Seghers und Martin Walser, aber auch Kritikerkollegen wie Reinhard Baumgart, Feuilletonredakteure wie Max Rychner, Zeitschriftenherausgeber wie Hans Paeschke und Germanistikprofessoren wie Richard Alewyn und Peter Wapnewski. Viele Briefe wurden als eine Art Lesezeichen in den Büchern der Privatbibliothek Walter Boehlichs gefunden.

Am Beginn der Konferenz stehen zwei Sektionen, die Boehlichs Verhalten zu seiner jüdischen Herkunft und seine Büchersammlung thematisieren. Dem folgen anschließend die vier Sektionen Literaturwissenschaft, Literaturkritik, Autorschaft, Verlagslektorat, die den Orten von Boehlichs öffentlicher Wirksamkeit entsprechen.

Zum Begleitprogramm der Konferenz gehört eine Lesung mit dem Schauspieler Hans-Jochen Röhrig, der am 5. Dezember, um 20.30 Uhr Boehlichs Übersetzung der Erzählung „Eine Geschichte vom Glück“ von Herman Bang lesen wird. Am 6. Dezember beschließt eine szenische Lesung aus Boehlichs Dokumentation „1848“ im Filmmuseum Potsdam die Konferenz.

 

Veranstalter:

Prof. Dr. Helmut Peitsch, Institut für Germanistik der Universität Potsdam
Helen Thein, M.A., Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam, Walter Boehlich-Arbeitsstelle

Ort: Stadt- und Landesbibliothek Potsdam, Am Kanal 47 - 14467 Potsdam

Programm:

Freitag, 4. Dezember 2009

Grussworte

Marion Mattekat (Stadt- und Landesbibliothek Potsdam)

Hajo Cornel (MWFK, Potsdam)

Wie die Walter Boehlich-Bibliothek nach Potsdam kam
Sabine Boehlich (Hamburg)


1. Sektion Kritik an der Germanistik

Moderation: Erhard Schütz (HU Berlin)

Walter Boehlich als Kritiker der Germanistik
Peter Uwe Hohendahl (Cornell University, Ithaca, NY)

„Ein Pyrrhussieg der Germanistik“. Boehlichs Kritik an der Grimmschen Philologie
Manuela Böhm (Potsdam)

Kaffeepause

2. Sektion Im Spiegel der Bibliothek

Moderation: Ines Sonder (MMZ, Potsdam)

Widmungen und Anstreichungen. Exemplarische Stichproben in Boehlichs Bibliothek
Roland Berbig (HU Berlin)

Walter Boehlichs Bücher: eine Führung durch die (Nachlass-)Bibliothek
Helen Thein (MMZ, Potsdam)

Lesung
Der durch sein langjähriges Wirken am Deutschen Theater Berlin bekannte Schauspieler Horst Hiemer liest aus bislang unveröffentlichten Briefen von Walter Boehlich.
Sie stammen aus den Jahren 1949 bis 2000 und geben einen Einblick in die Entwicklung Boehlichs zu einem der bedeutendsten Literaturkritiker deutscher Zunge des letzten Jahrhunderts. Zu den Adressaten Boehlichs zählten Schriftsteller wie Gottfried Benn, Anna Seghers und Martin Walser, aber auch Kritikerkollegen wie Reinhard Baumgart, Feuilletonredakteure wie Max Rychner, Zeitschriftenherausgeber wie Hans Paeschke und Germanistikprofessoren wie Richard Alewyn und Peter Wapnewski. Viele Briefe wurden als eine Art Lesezeichen in den Büchern der Privatbibliothek Walter Boehlichs gefunden.

Empfang

 

Sonnabend, 5. Dezember 2009

3. Sektion Literaturwissenschaft

Moderation: Justus Fetscher (TU Berlin)

Der Schüler eines Lehrers: zum Einfluss von Ernst Robert Curtius auf Walter Boehlich
Peter Jehle (Berlin)

Boehlichs „Beitrag zur Geschichte der Literaturwissenschaft“
Helmut Peitsch (Potsdam)

Kaffeepause

4. Sektion Literaturkritik

Moderation: Heiko Christians (Potsdam)

Der Kritiker, der seine Position bestimmt: „Die fehlende Generation. Literaturgeschichte und -kritik“ (1954)
Thomas Wegmann (Berlin)

„Wir kommen ohne einander aus.“ Walter Boehlichs und Martin Walsers Entfremdung als Resultat konfligierender Konzepte des Intellektuellen
Matthias N. Lorenz (Dortmund)

Mittagspause

5. Sektion Verlagslektorat

Moderation: Rainer Gerlach (Aschaffenburg)

Der Briefschreiber: Korrespondenz mit Peter Weiss in der Akademie der Künste
Jürgen Schutte (Berlin)

Walter Boehlichs „sammlung insel“ der sechziger Jahre: Wiederaufnahme eines Walter Benjamin‘schen Projekts der dreißiger Jahre
Richard Faber (Berlin)

Moderation: Thomas Jung (Potsdam/Bonn)

Walter Boehlich und die DDR-Verlage
Berthold Petzinna (Berlin)

Walter Boehlich vs. Siegfried Unseld?
Der ‚Lektorenaufstand‘ im Suhrkamp Verlag
Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld) / Claus Kröger (Bielefeld)

Kaffeepause

6. Sektion Autorschaft

Moderation: Martin Leubner (Potsdam)

Die Dokumentation einer Revolution: Boehlichs „1848“
Matthias Uecker (Nottingham)

„Hm...“ Auch eine Begegnung mit Walter Boehlich
Stefan Goldmann (Potsdam/Berlin)

Der Übersetzer Walter Boehlich
Peter Urban (Weidmoos)

Abendessen

Öffentliche Abendveranstaltung
Lesung: Herman Bang „Eine Geschichte vom Glück“
(Aus dem Dänischen übersetzt von Walter Boehlich)
Es liest Hans-Jochen Röhrig.

 

Sonntag 6. Dezember 2009

7. Sektion
Judentum und Antisemitismus
Moderation: Irene A. Diekmann (MMZ, Potsdam)

„Es sind vielleicht nicht Überzeugungen im strikten Sinne“.
Walter Boehlich und „das Verhältnis zu den Juden“
Daniel Weidner (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin)

Walter Boehlich und der Berliner Antisemitismusstreit von 1879/1880
Julius H. Schoeps (MMZ, Potsdam)

Kaffeepause

Öffentliche Matinee
im Filmmuseum Potsdam
Szenische Lesung: 1848. Dokumentation (Walter Boehlich)

Es lesen die Schauspieler Sabine Scholze, Harald Arnold und Christian Klischat.
Die Texteinrichtung stammt von Michael Philipps.

 

Kontakt:
Prof. Dr. Helmut Peitsch
Universität Potsdam Institut für Germanistik
Am Neuen Palais 10, Haus 5
14469 Potsdam
Sekretariat: Pia Gerdaus
Telefon 0331 977 42 14
Fax 0331 977 42 46
pgerdaus@uni-potsdam.de

 

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft

 

Flyer mit dem Programm der Boehlich Konferenz

Pressemitteilung zur aktuellen Programmänderung

Bericht zur Konferenz im Deutschlandradio, 6. Dezember 2009

Konferenzbericht in den PNN, 9. 12. 09

Konferenzbericht auf HSOZKULT, 14. 01. 10

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