Vilne, Wilna, Wilno, Vilnius Jiddische Verleger und Übersetzer deutscher Autoren im Spiegel ihrer Bücher

Seit Herbst 2013 präsentiert eine kleine Wanderausstellung Bücher aus dem einstigen jüdischen Vilne. Es handelt sich dabei um jiddische Übersetzungen deutscher Autoren. Dieses wenig bekannte Thema will die Ausstellung einem breiteren Publikum vermitteln. Zwischen den 1910er und den 1930er Jahren wurden u.a. Werke von Siegmund Freud, Thomas Mann, Karl Marx oder den Grimm‘schen Märchen in Wilna (so die deutsche Bezeichnung) bzw. Vilne (so die jiddische Bezeichnung) übersetzt, verlegt und von einem interessierten Publikum gelesen. Bisher war die Ausstellung bereits in Berlin, Duisburg, Erlangen, Tel Aviv und Vilnius zu sehen. Weitere Präsentationsorte werden u.a. Buenos Aires, Cape Town und New York sein.

 

A seyfer is ajeder schteyn,

Ein jeder Stein ist Buch, Wände sind Pergamente,

Die Nacht für Nacht geheimnisvoll die Seiten wenden…

 

Diese Zeilen aus Mosche Kulbaks Gedicht „Vilne“ (von 1926) vermitteln einen Eindruck, was Vilne, so der jiddische Name, „Wilna“ der deutsche, „Wilno“ der polnische und schließlich „Vilnius“ der litauische Name des einstigen „Jerusalems des Nordens“ bzw. des „Jerusalem Litauens“ – wie es achtunggebietend genannt wurde – einmal war: Ein Zentrum der jüdischen Gelehrsamkeit, ein Zentrum der Jiddischkeit, ja das Jiddischland schlechthin. Große Gelehrte wie der Gaon aber auch die „Berliner“, so wurden die jüdischen Aufklärer genannt, die als Vertreter der Haskala neben einer religiösen auch eine säkulare Bildung und Literatur nach Vilne brachten, prägten das jüdische Leben bis ins 20. Jahrhundert hinein. Das Buch, sowohl das der religiösen Schriften, das im Jiddischen „seyfer“ genannt wird, als auch das „Buch“, das im Jiddischen wie im Deutschen gleichgenannt, die Erkenntnisse der Wissenschaft, den Herzschlag der Poesie und die Chronik der Geschichte mit schwarzer Tinte auf weißes Papier prägt – das Buch blieb bis in die dunkelste Zeit der Jüdischen Geschichte elementar. In Wilna gab es bis in die 1930er Jahre zahlreiche Jüdische Verlage, die sowohl die religiöse wie säkulare Jiddische Literatur publizierten – wie auch die Weltliteratur: Balzac, Schiller, Tolstoi. Letztgenannter war – im Hinblick auf die Ausleihzahlen der 1941 eröffneten Gettobibliothek – so makaber es klingt — mit seinem Meisterwerk „Krieg und Frieden“ der meistgelesene Autor. Das Lesen wurde in den folgenden Jahren umso mehr ein intellektueller, ja elementarer Überlebensanker für die Juden nicht allein in Wilna. Unter den Übersetzungen aus dem Deutschen befindet sich beispielsweise Der Zauberberg von Thomas Mann, 1930 wurde der als Tsoyberbarg ins Jiddische übersetzt und zwar von Issak Bashevis Singer, der 1978 als erster und bislang einziger Jiddischer Autor den Literaturnobelpreis erhielt.

Die Ausstellung Vilne – Wilna – Wilno – Vilnius.Jüdische Verlage und Übersetzer deutscher Autoren im Spiegel ihrer Bücher wurde vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Kooperation mit dem Kultusministerium der Republik Litauen und der Litauischen Botschaft in Berlin entwickelt und steht zur Ausleihe zur Verfügung.

Weitere Informationen finden Sie hier.

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