Markus Börner

Als bedeutendste deutsche Intellektuelle des 20. Jahrhunderts ist die Totalitarismustheoretikerin Hannah Arendt zu einer wichtigen Figur im politischen Kosmos unserer Gegenwart geworden. Trotz dieses hohen Status wird ihr Gesamtwerk noch immer sehr ausgewählt rezipiert. Viele einschlägige Publikationen stellen Arendt auf Basis eines beinahe standardisierten Korpus an Ausschnitten aus ihren zahlreichen Büchern, Aufsätzen und Briefen als Konservative dar. Erweitert man aber den Blick auf weniger beachtete Texte und Arendts Begriffsgehalte, dann zeigt sich, dass bestimmte Elemente ihres Denkens ebenso gut auf der anderen Seite des politischen Spektrums verortet werden können.

Im Dissertationsprojekt wird gefragt, ob die entschiedene Stalinismus-Kritikerin Hannah Arendt auch marxistische Überlegungen in ihre politischen Theorien integrierte. Dazu wird Arendts Werk auf marxistische Bezüge und Sedimente untersucht. Ein wichtige Rolle spielen dabei ihre Beziehungen zu linken Netzwerken unterschiedlicher Färbung, darunter drei zentrale Gruppen: die antistalinistischen Linken in Europa, das Institut für Sozialforschung in Frankfurt a. M. und die New York Intellectuals. Zum besseren Verständnis von Arends geistigem Umfeld werden darüber hinaus auch das Verhältnis von Judentum und politischem Denken, sowie insbesondere die Konsequenzen der Shoa für die politische Theorie in den Blick genommen.

Die Arbeit verfolgt einen ideengeschichtlichen Ansatz. Sie orientiert sich an der Denkstiltheorie von Ludwik Fleck, bleibt aber für ergänzende, interdisziplinäre Perspektiven offen.