Jüdische Denker und deutsche Erinnerungskultur:
Theodor Lessing

Bearbeitung: Dr. Elke-Vera Kotowski

Genau sieben Monate nach Hitlers Machtübernahme wurde Theodor Lessing in der Nacht vom 30. auf den 31. August 1933 im tschechischen Marienbad aus dem Hinterhalt erschossen. Joseph Goebbels, der auf Lessings Kopf eine Prämie von 80.000 Reichmark ausgesetzt hatte, verwies zwei Tage nach dessen Tod am 2. September 1933 auf dem Nürnberger Parteitag auf die erfolgreiche „Abschüttelung dieses Jochs“.
Am Tag nach seiner Ermordung meldete die in seiner Heimatstadt Hannover erscheinende Niederdeutsche Zeitung hämisch: „Nun ist auch dieser unselige Spuk weggewischt“ - und Thomas Mann notierte in sein Tagebuch: „Mir graust vor solch einem Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir.“
Es stellt sich die Frage, was diesen Denker in den Augen der Nazi-Diktatur so gefährlich erscheinen ließ, dass dieser im Ausland liquidiert wurde.
Trotz oder vielleicht gerade wegen dieses verhängnisvollen Schicksals ist sowohl der Denker als auch das Opfer Theodor Lessing seither weitestgehend in Vergessenheit geraten. Erst durch die Wiederauflage einiger seiner Schriften seit Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts ist Theodor Lessing erneut ins Bewusstsein sowohl der Historiker als auch der Philosophen gelangt. Allerdings sind bis heute die Angaben zu seiner Person in den gängigen Nachschlagewerken und ebenso die Einschätzung seines Wirkens noch immer recht auseinander gehend. So wird er wahlweise als Philosoph, Schriftsteller, Publizist, Journalist, Reformist, Kulturpessimist, Pazifist, Sozialist, Zionist, Antirationalist, Mediziner, Professor für Philosophie und/oder Psychologie und Pädagogik, Wanderlehrer, Vortragsredner, Rezitator und Volkshochschulgründer genannt.

Innerhalb eines Lehrforschungsprojektes haben Studierende der Universitäten Hannover und Potsdam zum 75. Todestag ein Ausstellung über das Leben und Werk Theodor Lessings erarbeitet, die seit August 2008 durch Deutschland wandert (bisherige Orte: Volkshochschule Hannover, Stadtarchiv Hannover, Leibniz Universität Hannover, Helmut Schmidt Universität Hamburg).

In der Ausstellung, die von drei Hannoveraner und 14 Potsdamer Studierenden erarbeitet wurde, nimmt ein Schreibtisch den zentralen Raum ein. Es ist ein Schreibtisch, der dem sehr ähnlich ist, an dem Theodor Lessing in der Villa Edelweiß in Marienbad am Abend des 30. August 1933 saß, als er von außen durch das geschlossene Fenster durch zwei Schüsse in den Kopf getroffen wurde. Er erlag wenige Stunden später den Verletzungen. Es scheint fast, als läge alles noch so da, wie damals, Ende August 1933: Auf dem Schreibtisch steht eine alte Triumph-Reiseschreibmaschine, in die ein Blatt Papier eingespannt ist, auf dem die ersten Zeilen eines Vorwortes getippt wurden. Neben den beiden Bilderrahmen mit Fotos von seinen Töchtern und seiner Frau Ada liegen diverse Briefe und Manuskriptseiten. In den Schubladen befinden sich mehrere Mappen mit Dokumenten aus Lessings Leben: ein selbstverfasstes Gedicht aus den Kindertagen; Briefe an seinen Jugendfreund Ludwig Klages; Artikel, die der Student für Zeitungen in München und Göttingen verfasste; Aufrufe gegen den Krieg; Notizen aus dem Gerichtssaal beim Prozess gegen den Massenmörder Fritz Haarmann (1924); Handzettel und Protestnoten, die Lessings Rauswurf aus der Technischen Hochschule Hannover fordern (1925/26), an der der Philosophieprofessor seit 1908 tätig war; und überall Briefe und Fotos seiner Familie sowie Manuskripte kulturkritischer und feuilletonistischer Schriften.
Als Lessing wenige Wochen nach Hitlers Machtübernahme über Prag in das böhmische Marienbad emigrierte, nachdem er mehrfach Anpöbelungen der SA ausgesetzt war und diese just in der Nacht seiner Flucht sein Haus in Anderten verwüstet und durch Jauche unbewohnbar macht, blieb nicht viel Zeit und noch weniger Platz für persönliche Unterlagen im Gepäck. Diese packte seine Frau Ada, die vorübergehend in Hannover zurückblieb, in vier große Kisten, die Richtung Marienbad auf den Weg gebracht wurden. Was in den wenigen Monaten zwischen März und August 1933 ausgepackt wurde und welche Manuskripte und Unterlagen hinzukamen, ist bis heute ungewiss. Denn von den vier Kisten blieb lediglich eine einzige erhalten, die über Jahrzehnte in der hintersten Ecke eines Kellers an der Pariser Sorbonne verstaubte. Diese wurde erst Ende der 1960er-Jahre entdeckt und kehrte wenig später nach Hannover zurück, wo sie wiederum über Jahre in einer Privatwohnung aufbewahrt wurde. Erst 50 Jahre nach Lessings Ermordung hielt dieser (Teil-)Nachlass Einzug in das Stadtarchiv Hannover und ist seither für die Forschung zugänglich.
Eine Auswahl aus diesem Nachlass befindet sich jetzt in jenem Schreibtisch, der die Besucher der nach Lessing und seiner Frau Ada benannten Volkshochschule einlädt in den persönlichen Unterlagen des aus der kollektiven Erinnerung fast gänzlich vergessenen ersten Opfers des NS-Terrors zu stöbern. Dem Betrachter der Ausstellungsinstallation drängt sich zwangsläufig der Eindruck auf, als wäre seit Lessings Tod sein Arbeitsplatz unberührt, als warte der Schreibtisch nur darauf, dass er dorthin zurückkehrt, um weiter zu arbeiten, die angefangenen Manuskripte zu beenden und die Havanna anzuzünden, die ein wenig abseits auf einer Zigarrenkiste liegt. Statt seiner blättern nun Ausstellungsbesucher in den Unterlagen in und auf dem Schreibtisch. Links und rechts davon sind Telefone aufgestellt, Audiostationen, an denen Texte von Theodor Lessing zu hören sind. Einen Text, ein Gedicht aus seiner Jugend, haben die beiden Urenkel Theodor Lessings, Lennart und Julian Daldrup, aufgenommen und ihre Stimmen rezitieren des Urgroßvaters Verse über dessen Eltern. Vis a vis türmt sich ein Sandhaufen mit Duzenden von Flaschen, die mit Zetteln gefüllt sind, auf denen die Titel der vielen Werke Lessings notiert sind. Diese Installation ist dem Titel der Ausstellung und des Symposiums angelehnt: „Ich warf eine einsame Flaschenpost in das unermessliche Dunkel“ – ein Zitat Lessings aus seiner Biografie Einmal und nie wieder, 1935 postum in Prag erschienen. 75 Jahre nach dessen Tod strandete seine Flaschenpost und wurde von engagierten Studierenden aus Potsdam und Hannover aufgenommen und durch diese – dank der großzügigen finanziellen Unterstützung der Stiftung Niedersachsen – in Form einer interaktiven Ausstellung der Hannoveraner Öffentlichkeit präsentiert.
Der Begleitband zur Ausstellung ist im Georg Olms Verlag Hildesheim (ISBN 978-3-487-13829-9, € 16,80) erschienen.

Projektleitung: Elke-Vera Kotowski

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