Jakob Stürmann

Vita

Studium der Geschichte, Osteuropastudien und Gender Studies in Berlin und Birmingham/UK.

Master am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über den Vorwärts-Hauskomplex in Berlin als ‚Drehpunkt‘ zwischen deutscher und russländischer Sozialdemokratie zur Zeit der Weimarer Republik ab.

Seit 2014 Stipendiat des Ludwig Rosenberg Kollegs

 

Promotionsvorhaben

Blickwechsel – Das Europa der Zwischenkriegszeit aus der Perspektive osteuropäisch-jüdischer Sozialistinnen und Sozialisten

(Arbeitstitel)

Der osteuropäisch-jüdische Sozialist Rafail Abramovič beschreibt sich in seiner 1944 veröffentlichten Autobiographie als Teil einer „Generation russisch-jüdischer Intellektueller, die sich an zwei Revolutionen (1905 und 1917) beteiligten.“ [Abramovič, In zwey revolutsies] Zusammen mit ihm migrierten zu Beginn der 1920er Jahre mehrere Dutzend Sozialistinnen und Sozialisten aus dem ehemaligen Zarenreich nach Berlin. In meinem Dissertationsprojekt betrachte ich die im Berlin der Weimarer Republik lebenden Mitglieder der Russländischen Sozialdemokratie (Menševiki) jüdischer Herkunft und die Anhänger des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes als eine spezifische Generationseinheit des von Abramovič definierten russisch-jüdischen Generationszusammenhanges. Ich möchte ihre Berliner Lebenswelt sowie ihre Vernetzung mit der zeitgenössischen internationalen sozialistischen Bewegung darstellen und untersuchen, welche politischen Themenkomplexe sie debattierten und inwieweit sich in ihren im Exil veröffentlichten Publikationen der eigene osteuropäisch-jüdischer Erfahrungssatz widerspiegelte.

Die im Zarenreich lebenden osteuropäischen Judenheiten waren im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert einem sozial-kulturellen Transformationsprozess ausgesetzt, der durch verschiedene Entwicklungen herbeigeführt wurde: Inner-jüdische Reformen und Entstehung einer neuen osteuropäisch-jüdischen Elite, sozial-ökonomische Veränderungen durch die beginnende Industrialisierung im Zarenreich, antijüdische Gesetzgebungen, Pogrome, Revolutionen von 1905 und 1917. Ein Teil der osteuropäischen Judenheiten erhoffte sich in dieser Zeit durch die Unterstützung von speziell jüdischen oder anderen revolutionären Parteien auch eine Verbesserung der persönlichen Lebenssituation und eine Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung in einem russländischen Vielvölkerstaat. Letzteres wurde auf gesetzlicher Ebene nach der Revolution von 1917 Wirklichkeit, nichtsdestotrotz mussten viele Mitglieder der Generationseinheit russisch-jüdischer Intellektueller im Zuge der bolschewistischen Oktoberrevolution und dem anschließenden Bürgerkrieg die sich im Entstehen befindende Sowjetunion verlassen.

Im Berliner Exil versuchten die osteuropäisch-jüdischen Sozialistinnen und Sozialisten weiterhin die internationale Arbeiterbewegung mitzugestalten. Dies geschah vor allen Dingen durch vielfältiges Publizieren in unterschiedlichen Sprachen, der Mitarbeit in internationalen sozialistischen Strukturen und durch die Kooperationen mit verschiedenen Parteien.

Das geschichtswissenschaftliche Dissertationsprojekt ist quellenbasiert angelegt und analysiert vornehmlich Publikationen in russischer, deutscher und jiddischer Sprache.